Seedrs Zweitmarkt: Vorgezogener Cashflow für die Crowdinvesting Plattform

Als „revolutionären Zweitmarkt“ bezeichnet die Plattform Seedrs ihren Bereich, in dem Firmenanteile von Startups zwischen Investoren gehandelt werden können. Noch letzte Woche habe ich die Werbeaussage leicht belächelt. Doch der Blogbeitrag von Joel von Seedrs zum Mai 2020 Zweitmarkt hat mir die Augen geöffnet. Jetzt weiß ich, dass der Zweitmarkt wortwörtlich revolutionär für Seedrs ist. Mehr dazu später.

Zum einen bin ich schon lange großer Seedrs-Fan und nutze seit fünf Jahren hauptsächlich diese Plattform für meine Crowdinvestments. Eine meiner größten finanziellen Beteiligungen wiederum ist die Plattform selbst. Ich bin am Startup Seedrs vierstellig beteiligt. Und die Mai-Statistik zum Zweitmarkt hat mir die Augen geöffnet: Insgesamt haben in einer Woche Anteile im Wert von £1,27MM den Besitzer gewechselt. Davon macht das Startup Revolut (britische Challenger-Bank) ein Handelsvolumen von £969k aus. Revolut hatte kürzlich eine neue Fundingrunde. Während der Runde werden immer (nach den Regeln von Seedrs) die Anteile des Startups vorübergehend für den Zweitmarkt gesperrt. Die Finanzierungrunde ist abgeschlossen; also durfte Revolut im Mai-Markt erstmalig wieder gehandelt werden – und die Investoren haben kräftig zugelangt.

Seedrs hat die eigene Gebührenstruktur auf ihrer Plattform geschickt angelegt. Wenn ein Startup im Wert steigt, dann erhält Seedrs im Fall eines Exits (Firmenverkauf an einen neuen Investor/ Besitzer) eine Gebühr (Carry Fee) von 7,5% auf die Wertsteigerung. Darüber ist sichergestellt, dass Seedrs und der Investor identische Interessen haben. Seedrs weiß, dass sie profitieren, wenn ihre Investoren Gewinne machen. Und ich als Investor kann ruhig schlafen, weil ich weiß, dass Seedrs als mein ‚Nominee‘ (von mir Beauftragter, der für mich die Anteile hält) im Zweifel gewinnbringende Entscheidungen für mich als Investor treffen wird, weil sie selbst davon auch profitieren. Die Einführung des Zweitmarktes hat also dazu geführt, dass Seedrs diese Carry Fees auch ohne Exit beziehungsweise teils schon Jahre früher realisieren kann. Wenn Anteile auf dem Zweitmarkt mit Gewinn verkauft werden, dann zahlt der Verkäufer auf diesen Gewinn die 7,5% Carry Fee – auch ohne Exit. Und Seedrs erwirtschaftet den Gewinn viel früher und erzielt so einen positiven Cashfloweffekt, der weiteres Wachstum der Plattform unterstützen kann. Seedrs kann für Zweitmarktverkäufe auch Carry Fees realisieren, wenn das Startup vielleicht nie einen Exit schafft oder nach einer deutlichen Wertsteigerung doch noch Pleite geht. Denn mit jedem Handel von Anteilen, die ein Investor mit Gewinn veräußert, erhält Seedrs unwiderruflich das Carry auf diesen Teil des Verkäufergewinns.

Jetzt zurück zum Zauber des Mai-Zweitmarktes:
Eines vorweg, ich habe nicht den genauen heutigen Wert und den Startupwert von Revolut in Ihrer ersten Finanzierungsrunde recherchiert, deshalb nachfolgend fiktive Zahlen. Dabei ist anzumerken, dass das im Beispiel benutzte Multiple 11x für die Unternehmenswertsteigerung bei den besonders gut laufenden Startups über viele Jahre insgesamt realistisch ist – aber nur ein kleiner Teil der Startups ist erfolgreich und schafft dies.

Angenommen, Revolut war in der ersten Finanzierungsrunde auf Seedrs 100MM wert und hat nun über Jahre den eigenen Unternehmenswert verelffacht, also um Faktor 10 gesteigert, auf 1,1 Milliarden. Jetzt wurden alleine im Mai 2020 insgesamt 969k auf dem Zweitmarkt gehandelt, was zum ursprünglichen Investment-Zeitpunkt 88k entsprach. 881k Investorengewinne, auf die Seedrs 7,5%erhält, also 66k Gebühren. Ein realisierter Gewinn für Seedrs von £66k! Diese Annahmen treffen zu, wenn der Wert von Revolut sich wirklich verelffacht hat, alle diese Anteile eben um Faktor 11 günstiger ursprünglich von Investoren erworben wurden und Seedrs bisher für diese Anteile noch kein Carry (für eine frühere Teil-Wertsteigerung) über den Zweitmarkt erhalten hatte. In 2018 hat Seedrs als Unternehmen insgesamt noch einen Verlust von £4,3MM gemacht. Da sind in einem einzelnen Zweitmarkt £66k Profit ein willkommener Gegenpol. Phasen mit solchen Gewinnen würden der Profitabilität der Plattform deutlich helfen.

Hinzu kommt, dass ab Juni 2020 Seedrs insgesamt 3% Gebühren auf das Handelsvolumen vom Zweitmarkt erhebt: Je 1,5% haben Käufer und Verkäufer je Transaktion als Gebühr zu tragen. Als Crowdinvestor schmerzt das etwas – aber bei guten Gelegenheiten werde ich weiterhin über den Zweitmarkt einkaufen bzw. verkaufen und Gewinne realisieren. Die sich bietenden Chancen sind einfach zu gut, um dem Secondary Market den Rücken zu kehren. Bei einem fiktiven Handelsvolumen von 1MM im Monat (im Mai schon überboten) sind das nochmal 30k Gebühren für Seedrs monatlich. Diese Zahlen zeigen, wie der Zweitmarkt eines der wichtigsten Monetarisierungs-Features von Seedrs werden könnte.

Was bringt die Zukunft bezüglich des Zweitmarktes?
Auf der Plattform liest man immer wieder Ankündigungen, welche Weiterentwicklungen es noch geben soll:

  • Einstellen von zusätzlichen Anteilen in den Zweitmarkt, während dieser schon geöffnet hat (geplant für Juni 2020)
  • Teil-Käufe/ Split von großen Share-Lots
  • Privater Austausch von Anteilen zwischen Investoren, ohne dass der Zweitmarkt genutzt wird (somit ggf. auch Handel von Anteilen die derzeit ‚Ineligible‘ sind)
  • Market365, jederzeit Anteile vorab reservieren, mit Ausführung bei nächster Marktöffnung
  • Anbindung von Unternehmen / Anteilen, die aus anderen Quellen finanziert wurden (z.B. andere Crowdinvesting-Plattformen oder Mitarbeiter-Aktienpakete von Startups)
  • Dynamische Preisbildung wie bei Aktien oder die Möglichkeit auf Share Lots zu bieten

Die Pipeline an sinnvollen Ergänzungen ist lang und kann für Seedrs sehr gewinnbringend werden. Meine Vermutung ist, dass der starke Fokus auf diese Features daher rührt, dass auch Seedrs erkannt hat, dass sie sich mit dem Besten / Einzigen Zweitmarkt als zentralem Bestandteil des Finanzierungs-Ökosystems für Startups unverzichtbar machen können.

Ausblick Zweitmarkt Juni 2020
Für Juni zeichnet sich anhand der gelisteten Revolut-Anteile ab, dass es einen neuen Rekord geben könnte, denn die gelisteten Revolut-Shares für Juni übersteigen bereits den Mai-Wert. Wenn die Märkte ab Juli weiterhin diesem Schema folgen sollte, könnte Seedrs schnell rund 100k Profit je Zweitmarkt (siehe oben, 66k + 30k) umsetzen.

Philip

Seit 2014 investiere ich in Startups. In den letzten Jahren ist mein Portfolio auf über 150 Beteiligungen verschiedener Größe gewachsen. Auf meinem Blog berichte ich regelmäßig über Crowdinvesting und meine Investments.

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