Zweitmarkt-Psychologie Seedrs: Anteile unabhängig vom Premium kaufen

Seedrs betreibt einen gut funktionierenden Zweitmarkt, auf dem für den Verkauf von Startup-Anteilen ein Aufschlag oder Abschlag von der ‚fairen Bewertung‘ zwischen -99% und +500% im Vergleich zum Fair Value gewählt werden kann.

Bei meiner Wahl, mit welchem Aufschlag oder Abschlag ich bereit bin Anteile von Unternehmen zu kaufen, ignoriere ich diese Auf- und Abschläge bewusst. Ein hoher Aufschlag wird psychologisch automatisch oft mit ‚teuer‘ assoziiert. Ebenso denken einige Investoren, dass ein Kauf mit einem hohen Abschlag ‚günstig‘ sein muss. Dies ist aus meiner Sicht beides vollkommen falsch.

1) Fair Value/ Die ‚faire Bewertung‘ – Ausgangsbasis für den Auf-/ Abschlag
Der Fair Value wird für jedes Startup einzig danach festgelegt, zu welcher Unternehmensbewertung die letzte Finanzierungsrunde durchgeführt wurde. Diese Runde kann gerade frisch abgeschlossen worden sein oder schon Jahre zurückliegen. Falls die letzte Fundraising-Runde also lange zurückliegt, hat sich das Startup seitdem wahrscheinlich bereits weiterentwickelt, so dass diese alte Bewertung nicht mehr angemessen ist. Auch die Erfolgsaussichten des Startups können sich seit der letzten Runde deutlich geändert haben. Oder die soeben abgeschlossene Runde hat eine sehr hohe Bewertung zugrunde gelegt (z.B. Bewertung des Unternehmens mit einem teuren 15x Umsatzmultiple), so dass das Unternehmen in diese neue Bewertung erstmal mit steigenden Umsätzen reinwachsen muss, bevor die Bewertung wirklich angemessen ist.

2) Aufschlag richtig nutzen: Bewertung des eigenen Kaufs errechnen
Ich nutze den Aufschlag oder Abschlag (zu dem ich potenziell Anteile eines Startups nachkaufe), um die Unternehmensbewertung zu errechnen, zu der mein Kauf erfolgen würde. Wenn also der von Seedrs angegebene ‚Fair Value‘ mit GBP 10MM beziffert wird, multipliziere ich diese Bewertung mit (1 + % Aufschlag), zu dem ich nachkaufen kann. Nehmen wir an, es sind Anteile mit 300% Aufschlag verfügbar, dann würde mein Nachkauf also zu 10MM + 300% = 40MM Unternehmensbewertung erfolgen.

3) Kauf-Unternehmensbewertung einordnen: Günstig oder teuer?
Für jede mögliche Kauf-Unternehmensbewertung überlege ich final, ob diese Bewertung auf Basis der historischen Umsätze, Unternehmensgewinne und des Wachstums sowie der daraus resultierenden zukünftigen Ergebnisse als eher günstig oder teuer zu bewerten ist.

Beispiel:
Wenn ein fiktives Software-Startup heute schon einen Jahresumsatz von GBP 20MM erzielt, stark wächst und ich an die Zukunft des Unternehmens glaube, dann kann ich z.B. ein Umsatzmultiple vom 3-fachen Jahresumsatz (3x) für eine angemessene oder günstige Bewertung halten. Würde also eine Bewertung von 3x 20MM = 60MM ergeben. Wenn der Fair Value dieses Startups (siehe Punkt 2 oben) von Seedrs noch mit 10MM angegeben wird, dann ist mein Kauf zu 300% Aufschlag (was erstmal teuer klingt, weil es ein hoher Aufschlag ist) immer noch ein Schnäppchen, da ich eine Bewertung von 60MM für angemessen halte und Anteile zu einer Bewertung von 40MM nachkaufen kann. Wenn meine Einschätzung genau korrekt sein sollte und dieses Startup tatsächlich später für 60MM verkauft würde, dann hätte ich einen hohen Gewinn von 50% erzielt (40MM Kauf-Bewertung + 50% Aufschlag = 60MM Bewertung), obwohl ich initial Anteile zu einem Aufschlag von 300% gekauft habe.

Ebenso kann auch ein Rabatt von 50% auf den Fair Value noch viel zu teuer sein, wenn der Fair Value eben noch maßlos überteuert angegeben ist aus der letzten Finanzierungsrunde und sich die Aussichten des Startups z.B. seit der letzten Finanzierung verschlechtert haben.


Disclaimer: Beachtet immer, dass jegliche Investition in Startups als Hochrisiko-Investment zu betrachten ist und ein Totalverlust des eingesetzten Kapitals wahrscheinlich ist. Dieser Beitrag ist keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Anteilen an Startups und es handelt sich nicht um eine Investmentberatung. Wie immer seid ihr alleine dafür verantwortlich, was ihr mit eurem Geld macht.

Philip

Seit 2014 investiere ich in Startups. In den letzten Jahren ist mein Portfolio auf über 150 Beteiligungen verschiedener Größe gewachsen. Auf meinem Blog berichte ich regelmäßig über Crowdinvesting und meine Investments.

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